„Die Flüchtlinge bekommen die ganzen neugebauten Wohnungen“, sagt die Polizei

Aktivist*innen der Gruppe „Die Hausretter*innen“, wollten den Regensburger Wohnungsmarkt durch eine Leerstandsbesetzung etwas entspannen. Doch schnurstracks wurde geräumt. Nun steht das Haus Grunewaldstraße 9 wieder so öde und nutzlos in der Gegend herum, wie die letzten 20 Jahre. Dies verdankt die Welt pflichtbewussten Polizist*innen, die sich selbst das Wohnen in der Stadt oftmals kaum noch leisten können. Die Hausretter*innen berichten über ihre Erfahrungen mit den selbstlosen Ordnungshüter*innen.

Das Motto der Hausretter*innen: „Menschen brauchen Häuser, Häuser brauchen Menschen!“

Wie geht es euch jetzt, zwei Tage nach der Räumung?

A: Mir geht‘s ganz gut. Ich bin sehr froh, dass wir es gemacht haben. Es ist etwas rübergekommen, die Presse hat berichtet und es hat viele Diskussionen gegeben. Auf manchen Plattformen recht hitzig. Ich denke, so wie wir es gemacht haben, hat‘s gepasst.

B: Ich sehe es ähnlich wie du. Sicher macht man sich Sorgen, weil ja Repressionen folgen. Aber für mich ist das ein kleiner Preis, denn etwas ändern muss sich in der Stadt definitiv. Auch nach dem großen Knall in der Stadt, der Korruptionsaffäre, hat sich nichts getan. Deswegen gibt es keine andere Möglichkeit als immer wieder auf die Straße zu gehen oder ein Haus zu besetzen, damit sich in den Köpfen was ändert.

C: Mir geht‘s gut. Bereuen tu ich nichts.

D: Mir geht es nicht so gut. Ich war schon traurig und genervt, weil es so kurz gedauert hat. Ich wollte ein Gartenfest feiern. Ich hoffte, dass Kinder kommen, mit den Kindern fußballspielen, mit den Leuten reden, zusammen essen. Die Leute sollten sehen, dass wir keine Kriminellen sind.

Im Interview mit der Online-Zeitung muscovado habt ihr ja schon ausführlich eure Beweggründe und eure Ziele geschildert. Wir möchten heute über die Räumung und eure Erfahrung mit der Polizei reden. Zunächst: Wann kam die Polizei und was passierte da?

C: Zuerst gab es Kontakt mit dem Hausmeister. Der ist in den Garten gekommen und hat uns gefragt, was wir da machen. Der hat zuerst behauptet, dass sei sein Haus und Grundstück, er sei der Eigentümer, und wir sollen sofort gehen. Wir haben gesagt, wir bleiben hier, wir sind hier eingezogen. Dann hat er gesagt, er ruft die Polizei und ist wieder gegangen. Ab da war klar, dass die Polizei bald auftaucht.

B: Die kam dann auch in knapp 15 Minuten.

C: Wir sind dann ins Haus rein, als wir die Sirene gehört haben, haben alles zugemacht und haben auf die Polizei gewartet.

A: Wir haben noch Ausschau gehalten, denn einer von uns war gerade außerhalb des Grundstücks. Wir konnten ihn aber leider nicht erreichen.

B: Bis die ersten Polizisten da waren, haben wir uns nochmal kurz beraten. Wir haben uns klargemacht, wir wollen deeskalierend sein, keine Gewalt, aber auch nicht unbedingt freiwillig. Dann sind die ersten Beamten gekommen und forderten uns auf zu gehen. Das haben wir natürlich verneint und haben gefragt, ob überhaupt eine Anzeige des Eigentümers vorliegt. Darauf sind die Polizisten aber gar nicht eingegangen.

Die Polizei verschafft sich Zutritt, um den Leerstand wiederherzustellen.

Die Viertelstunde, in der ihr auf die Polizei gewartet habe, wie ist es euch da ergangen?

B: Klar ist man nervös, leicht chaotisch. Es ist ja keine Alltagssituation. Aber es war auch keiner panisch.

C: Wir haben ja gewusst, dass irgendwann die Polizei kommt, wir haben halt gehofft, dass es später ist.

A: Ich habe mich darauf konzentriert, einen entspannten Gesichtsausdruck zu haben. Nicht dass der erste Polizist, der mich sieht, denkt, er muss gleich die Waffe ziehen.

Was hat euch dann veranlasst, aus dem Haus zu gehen?

C: Anfangs waren es ja nur zwei Polizisten. Die wollten immer nur wissen, wieviele wir sind. Das haben wir natürlich nicht gesagt. Dann haben wir von außerhalb per SMS die Mitteilung bekommen, dass jetzt vier weitere Polizeiwagen da sind. Am Schluss waren es sechs, sprich etwa 12 Polizist*innen. Irgendwann kam dann der Einsatzleiter. Der trat etwas forscher auf.

A: Wir haben vorher mindestens viermal gefordert, mit dem Eigentümer zu sprechen. Der Einsatzleiter hat dann aber gesagt, wir haben jetzt nur noch mit ihm zu sprechen, er sei der offizielle Vertreter des Eigentümers.

C: Er hat gemeint, wir können jetzt kooperieren oder er holt die Truppen und dann brechen sie die Tür auf. Aber er hat auch gesagt, es liegt noch keine Anzeige vor, sie verhandeln gerade mit dem Eigentümer. Wenn wir rauskommen, werden nur die Personalien aufgenommen und wir können dann wahrscheinlich gehen.

D: Das war gelogen.

A: Als wir dann draußen waren, hat er eine neue Information gebracht, wir müssten nun alle auf die Wache kommen.

B: Wir hatten uns aber vorher schon darüber abgesprochen, wenn es soweit ist, wenn keine Möglichkeit mehr besteht, das Haus zu halten, gehen wir. Wäre die Polizei erst zum Gartenfest gekommen, hätten sie es nicht so einfach gehabt.

Der Eigentümer vor der ebenfalls leerstehenden Grunewaldstraße 7

Du warst die Person, die außerhalb des Geländes war, als die Räumung begann. Wann haben sie dich erwischt?

D: Ich war draußen und bin in der Sonne gelegen (Gelächter). Dann hat mich die Polizei umkreist und ich habe mich sozusagen ergeben. Dann haben sie mich zum Garteneingang gebracht und mich genervt, ich soll ihnen meine Personalien geben. Ich habe gesagt, nein. Dann bekommen Sie eine Anzeige, haben sie gesagt. Ich habe gesagt, ich habe meine Personalien drinnen. Polizei wieder: Warum? Warst du drinnen? Ich: Sehen Sie nicht? Hier steht Gartenfest. Ich bin zum Gartenfest gekommen. Das haben sie mir nicht so richtig geglaubt. Sie haben mich durchsucht. Irgendwann habe ich Ihnen meine Personalien gegeben. Dann sind die anderen gekommen.

Nachdem ihr aus dem Haus wart, wie ist es dann weitergegangen?

B: Sie wollten uns gleich zu den Polizeiautos bringen und durchsuchen. Aber da ja die Presse da war, haben sie uns nochmal aufs Grundstück zurückgebracht, hinter den Zaun, wo es abgeschirmt ist.

C: Sie haben gesagt, wir dürfen keinen Kontakt mit der Presse aufnehmen.

A: Mit dem Pressevertreter könnten wir nachher reden, aber jetzt sollen wir noch nicht mit dem sprechen.

C: Wieder mit der Begründung vom Einsatzleiter, damit alles schnell über die Bühne geht und danach können wir wahrscheinlich gleich gehen.

B: Im abgeschirmten Bereich mussten wir alle unsere Taschen ausleeren und sie haben unsere Rucksäcke ausgeräumt, unser ganzes Werkzeug, und wieder eingeräumt. Dann hat der Einsatzleiter gesagt, von Personen und Rucksack sollen Fotos gemacht werden. Zuerst haben sie Fotos vom eingeräumten Rucksack gemacht bis ein anderer Polizist gemeint hat, der Einsatzleiter habe sicher gemeint, mit dem Inhalt offen. Dann haben sie wieder alles ausgeräumt.

A: Das war schon irgendwie ein wirrer Haufen. Die sind immer rumgewuselt. Da hat einer etwas gesagt, der andere hat es dann aber irgendwie ganz anders gemacht oder falsch verstanden. Lachen musste ich schon auch immer wieder mal.

B: Eine Polizistin hat gemeint, als wir zurück ins Haus gegangen sind um noch Sachen zu holen, sie kann es sich überhaupt nicht vorstellen, in so einem heruntergekommen Haus zu leben, obwohl das Haus eigentlich wirklich gut in Schuss ist, muss halt nur geputzt werden. Ich habe gemeint, in kleinen Wohnungen ist es ja auch nicht schöner und es wäre noch Platz, falls sie bei uns einziehen möchte. Fand sie dann auch etwas witzig.

Dann seit ihr auf die Polizeistation verbracht worden, obwohl der Einsatzleiter ja eigentlich versprochen hatte, ihr könnte nach der Personalienfeststellung gehen. Ist auf der Fahrt etwas Spannendes passiert?

A: Eine Polizistin wollte etwas Smalltalk mit mir führen. Da habe ich ihr die Lage mit dem Leerstand etwas erklärt. Das hat sie aber irgendwie nicht verstanden. Sie wollte dann wissen, woher wir Informationen über Leerstände haben. Da habe ich gesagt, dass ist ja offensichtlich, wenn man mit offenen Augen durch die Stadt durchfährt. Darauf hat sie die ganze Zeit aus dem Fenster geschaut und dann gesagt: „Ich seh jetzt aber nichts“. Irgendwann kam sie mit typischen AfD-Sprüchen daher, da habe ich das Gespräch beendet.

Was waren das für AfD-Sprüche?

A: Merkel ist an allem schuld und die Flüchtlinge bekommen die ganzen neugebauten Wohnungen.

Unglaublich … Irgendwann seid ihr bei der Wache angekommen?

A: Dort war es im Grunde sehr entspannt. Wir haben gelacht, getrunken und gegessen.

Wart ihr in einer Zelle?

A: Nein, wir waren in einem größeren Büroraum, alle zusammen. Da haben wir auch das ganze wirre, konfuse Vorgehen mitbekommen, was dann schon wieder lustig war, weil sich wirklich keiner ausgekannt hat. Einmal waren die Sachen weg, dann waren sie wieder da.

C: Eine Polizistin hat unser Werkzeug angeschaut und gefragt, nachdem sie die Sachen schon in der Hand hatte, ob das Spurenträger seien. Ein anderer Polizist hat gesagt, nein, nein. Fünf Minuten später ist dann der Oberbulle reinkommen und hat angeordnet, dass genau die Sachen, die die Polizistin in der Hand gehabt hat, nun doch zu den Beweismitteln kommen würden.

Kaum auszumachen hinter dem Fuhrpark der Polizei: „Gartenfest“

Was geschah als nächstes?

C: Als nächstes wurden wir erkennungsdienstlich behandelt, nacheinander. Wir wurden gefragt, ob wir etwas zu sagen hätten. Da haben wir natürlich alle nein gesagt. Dann sind noch die Gegenstände zugeordnet worden. Dafür haben wir dann unterschrieben.

A: Ich nicht.

C: Da hat dann der eine Bulle gesagt, das macht nichts, Sie sind belehrt worden. Und ein anderer Bulle hat als Zeuge unterschrieben.

B: Dann haben sie die Tattoos aufgenommen, Fingerabdrücke, Bilder gemacht für die biometrische Gesichtserkennung und so einen Fragebogen abgehakt. Einem Polizisten war sichtlich peinlich, mich zu fragen, ob ich transgender sei. Ich habe ihn dann gefragt, warum man die Frage nicht stellen darf. Da war er etwas eingeschüchtert. Ich habe ihm zugezwinkert und gesagt, das ist eine ganz normale Frage.

A: Da ist alles aufgenommen worden, die Nasenkrümmung, die Größe der Ohren, die volle Nazimethode.

B: Figur, Haarlänge, Narben …

C: Westeuropäisch, Südeuropäisch …

A: Ob man Goldzähne hat.

C: Ich habe ein normales Kinn, haben sie festgestellt.

A: Du bist praktisch ein perfekter Bürger!

Nach der erkennungsdienstlichen Behandlung seid ihr nacheinander freigekommen?

C: Ja, mich hat der Oberbulle rausgelassen. Seine letzte Frage war: Und, wo gehen Sie jetzt hin? Unverfängliche Fragen stellen, damit sie Infos bekommen, so war es die ganze Zeit. Ich habe gesagt, ich habe noch keine Ahnung.

A: Wir malen jetzt ein neues Banner und dann geht es weiter! (Gelächter)

Ihr habt danach noch eure Räder vom besetzten Haus holen müssen?

A: Ja. Als wir unsere Räder holten, haben wir eine Frau aus der Nachbarschaft getroffen, die sich schon gefreut hat über das Gartenfest. Die hat zu uns gesagt, kommt mit, da ist ein Gartenfest. Da haben wir ihr leider sagen müssen, das ist schon vorbei, die Polizei hat die Sache schon beendet.

B: Da draußen ist ja sonst überhaupt nichts los.

A: Dann hat sie uns auch noch ihre Not über ihre Wohnsituation geschildert. Die Wohnung wird an einen anderen Eigentümer verkauft. Sie wohnt schon über 33 Jahre drin. Jetzt hat sie großen Angst vor Eigenbedarfskündigung. Ich sagte ihr, sie kann sich an uns wenden, wenn es soweit ist.

Nun steht das Haus Grundewaldstraße 9 wieder so nutzlos in der Gegend herum, wie die letzten knapp 20 Jahre

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