Aufgeputscht durch „Das Gegenteil von Grau“

Das Ostentorkino war trotz ungewöhnlicher Uhrzeit am Sonntag Nachmittag gut gefüllt. Kein Wunder, denn es lief einer der zur Zeit meistgespielten Filme aus der Mietrebellenszene: „Das Gegenteil von Grau“. Alternative Wohnräume Regensburg (AWR) organisierten zusammen mit Recht auf Stadt (RaS) die Vorführung. Besonderes Highlight: Der Regisseur Matthias Coers war anwesend und stellte sich der Diskussion.

Plot

In „Das Gegenteil von Grau“ geht es um die Aneignung von Leerstand. Genauer: Um die Aneignung von Leerstand im Ruhrgebiet. Es ist ein Film zur rechten Zeit, denn er sorgt für einen Lichtblick im ansonsten trostlosen Wohnungssektor. Menschen kommen zu Wort, die sich nicht mehr zufriedengeben mit leeren Versprechungen von Investoren oder Politikern, sondern selber machen. Mit erstaunlicher Zivilcourage, aber oft auch mit dem Mut der Verzweiflung.

Filmplakat

Da überwinden ältere Damen und Herren fröhlich einen störenden Zaun und nutzen seit Jahren leerstehende Gewächshäuser wieder zum Gemüseanbau. Junge Leute veranstalten in leerstehenden Hallen Kinoabende. Leerstände Kirchen werden besetzt und zu selbstorganisierten Jugendzentren umfunktioniert. Leere Ladengeschäfte verwandeln sich zu lebendigen Treffpunkten für die Nachbarschaft. Eine ungenutzte Garage dient als „VeloKitchen“, in der gemeinsam an Fahrrädern geschraubt und gekocht wird. Raum unter Brückenpfeilern wird zu einer für alle zugänglichen Kunstplattform ausgebaut usw. usf. Vielfältigste Projekte werden vorgestellt, die zeigen, was alles unglaublich Schöne möglich ist, wenn Gewinnmaximierung keine Rolle spielt.

Aber auch lange und erfolgreiche Kämpfe für den Erhalt von ganzen Wohnvierteln, die renditeorientierte Investoren rücksichtslos abreißen wollten, sind Thema. Gut gelaunte Rentner*innen erzählen, mit welchen bunten und öffentlichkeitswirksamen Aktionen sie die Katastrophe verhindern konnten. Ihr Tipp: Man muss einfach penetrant sein! Gerade diese Beispiele lehrten nachdrücklich, was mit etwas Solidarität doch alles möglich ist!

Diskussion

Matthias Coers fand nach dem Film viele aufmunternde Worte für die Zuschauer*innen. Er verwehrte sich dagegen, von teils „illegalen“ Methoden zu sprechen. Es handele sich vielmehr um zivilen Ungehorsam, der absolute Existenzberechtigung habe. Doch so viele verschiedene Projekte gezeigt wurden, so viele Wege gebe es auch zu deren Verwirklichung. Die wenigsten davon seien das Resultat von Besetzungen gewesen. Die einen kamen zu ihrem selbstverwalteten Traumhaus über die Konstruktion Mietshäuser-Syndikat, andere konnten der Stadtverwaltung einen zukunftssicheren Mietvertrag abtrotzen. Wieder andere trafen auf verständnisvolle Eigentümer*innen, die auch keinen Sinn darin sehen, benutzbaren Raum leer stehen zu lassen.

Matthias Coers mit den Moderator*innen MK und Kristin

Überrascht war er allerdings, dass es in der Boomtown Regensburg soviele Leerstände gebe, wie der Leerstandsmelder von RaS aufweist. In seiner Heimatstadt Berlin finde man kaum leerstehende Häuser, weil alles versilbert oder eben anderweitig genutzt werde. Dies führte im Publikum zu einer reghaften Diskussion. Warum unternimmt die Regensburger Stadtverwaltung nichts gegen den Leerstand? Ein RaS-Mitglied wies darauf hin, dass der zuständige städtische Ausschuss erst kürzlich einstimmig (!) die Verabschiedung einer sogenannten Zweckentfremdungssatzung abgelehnt habe, die RaS in einer Petition gefordert hatte. Mit einer derartigen Satzung könnte Leerstand mit einem saftigen Bußgeld bis zu 500 000 Euro belegt werden. Dies führte zu einiger Empörung im Publikum.

Doch die Grundstimmung nach dem Film war nicht Ärger oder Wut, sondern Optimismus und Tatendrang. Schon während des Films kam es immer wieder zu spontanem Beifall und zustimmendem Gelächter. Eine Zuschauerin brachte es auf den Punkt. Sie dankte Matthias für seinen schönen und positiven Film, denn sie fühle sich jetzt regelrecht aufgeputscht.

Rede

Zum Einstieg in die Vorführung hielt Kristin von RaS eine kleine, sehr berührende Rede. Wir dokumentieren sie hier, weil sie unseres Achtens für Regensburg alles Wesentlich enthält:

Kristin

Hier in Regensburg erleben wir immer wieder dieselbe Geschichte: leerstehende Häuser und Grundstücke könnten vielen Familien und Einzelpersonen ein Zuhause bieten, könnten eine lebhafte Nachbarschaft werden und Platz bieten für Kultur und Soziales. Für die Mächtigen der Stadt heißt das aber: Sie würden damit kein Geld verdienen und keine Gewinne erwirtschaften.

Also gibt es eine viel bessere Idee: Investoren kaufen das gesamte Gelände samt Gebäuden oder auch einzelne Häuser und renovieren diese, um sie teuer wieder zu vermieten, zu verkaufen oder lassen diese leer stehen, um auf einen höheren Wiederverkaufspreis zu spekulieren.
So fragen wir uns und bestimmt auch einige von Euch: Wem gehört die Stadt?!

Es ist eine Schande, dass wir das überhaupt Fragen müssen. Eine Stadt hat keine Eigentümer*innen, sie hat nur Bewohner*innen! Viele von uns suchen vergeblich nach günstigem Wohnraum, den es hier und auch in anderen Städten kaum noch zu finden gibt.

Eine Stadt ist ein kunterbuntes lebendiges Kunstwerk, das ständig wächst und sich verändert und genau davon lebt. Und dieses Leben machen nun mal die Menschen aus, die darin wohnen. Und das soll heißen: alle Menschen.

Im Umkehrschluss bedeutet das, eine Stadt die nicht ihren Bewohner*innen dient, ist eine tote Stadt. Eigentlich ist sie dann gar keine Stadt mehr, sondern eine sterile Profitmaschine.

Wie kann es also sein, dass auch nur eine einzige Entscheidung in einer Stadt getroffen wird, die nicht die davon Betroffenen selbst treffen?

Deshalb wollen wir mit Recht auf Stadt in Regensburg für unsere Stadt kämpfen und nicht zulassen, dass sie von einem Lebensraum zu einer kargen Landschaft des Gewinnstrebens wird. Wir sind eine Stadt voller unterschiedlichster Menschen mit unterschiedlichsten Wünschen und Bedürfnissen. Und genau diese Bedürfnisse müssen die Nutzung eines jeden Raumes bestimmen.

Normalverdiener müssen hier einen unzumutbaren Teil ihres Einkommens ausgeben für etwas, was ein selbstverständliches Recht seien sollte: ein Zuhause. Menschen, die wenig oder nichts verdienen können, erfahren genau, wie weit diese Stadt schon zur menschenfeindlichen Profitmaschine verkommen ist: sie werden durch vollkommen überteuerte Mieten hochkant aus der Stadt geworfen. Dabei hat niemand mehr den Anstand offen zuzugeben, dass eben nur finanziell privilegierte Menschen in Regensburg erwünscht sind. Stattdessen geschieht es stillschweigend durch Gentrifizierung und Verdrängung.

Heute Nachmittag wollen wir darüber reden, wie wir unsere Stadt retten und allen Menschen einen Lebensraum bieten können, mit Platz, um Kultur zu machen, mitzugestalten und zu leben. Denn diese Stadt gehört allen, die darin leben.

(Fotos: Herbert Baumgärtner)

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