Stadtbau, Kautionsbetrug und verkaufte Mieter_innen

Erster Regensburger Stadtteilspaziergang

1. Station: Behindertenfeindliche Stadtbau, Rote-Löwen-Straße

Wolfgang zeigt der Stadtbau die Faust

Auch wenn ihm das physische Stehen und Gehen Schwierigkeiten bereitet, ist Wolfgang einer der wenigen Aufrechten. Er wehrt sich bis zur letzten Konsequenz gegen die kommunale Wohnbaugesellschaft „Stadtbau“. Dieser ist das Mieterwohl nachweislich egal. Nur eines interessiert sie: die pünktliche Überweisung des Mietzinses. Wolfgang wie viele andere in dem einst behindertengerecht ausgelegten Haus ist schwer gehbehindert. Deswegen ist er auf einen verlässlich funktionierenden Aufzug angewiesen. Ohne Aufzug können er und die circa 30 anderen behinderten Mieter_innen ihre Wohnung schlicht nicht verlassen oder in diese zurückkehren, wie er beim ersten Regensburger Stadtteilspaziergang vor Ort anschaulich erklärte.

Leider funktionierte der freistehende Aufzug lange Jahre höchst individuell. Wenn es regnete, wollte er nicht, wenn die Sonne schien, auch nicht. Bei Regen wurde die völlig ungeschützte Platine nass und blockierte, bei Sonnenschein fühlte sich der Sensor gestört und wollte die Tür partout nicht mehr schließen. Im Grunde leicht zu behebende Ursachen, nur, die kommunale Stadtbau dachte nicht daran, den Schaden zu regulieren. Wolfgang zählte in einem Jahr über 170 Tage an denen der Aufzug nicht oder nur eingeschränkt funktionierte. Irgendwann platzte ihm und einem anderen, rollstuhlfahrenden Mieter die Hutschnur. Sie kürzten die Miete.

Nun endlich wurde die Stadtbau aktiv: Fristlose und ordentliche Kündigung wegen ungerechtfertigter Mietminderung. Der Aufzug sei in dem betreffenden Zeitraum nicht an 170 Tagen kaputt gewesen, sondern nur an etwas über 60. Dass auch 60 Tage zuviel sind, dass ein Tag ohne Aufzug für einen Behinderten einen Tag Freiheitsentzug bedeutet, für den die Verantwortlichen, nicht die Opfer vor den Kadi müssten, interessierte das Gericht nicht im geringsten. Der Kündigung wurde stattgegeben, ebenso der Räumungsklage. Der rollstuhlfahrende Freund von Wolfgang wurde bereits aus seiner Wohnung geschmissen, Wolfgang kämpft weiter.

Übrigens stehen bei der Stadtbau im Moment etwa 300 Wohnungen leer. Dass in Regensburg Wohnungsnot herrscht, scheint dem kommunalen Unternehmen wurscht zu sein.

(Die behindertenfeindliche Politik der Stadtbau wurde auch in einem Theaterstück verarbeitet. Hier nachzukucken: https://www.youtube.com/watch?v=e2IuzYFzj9A)

2. Station: Extramiete per Kautionsbetrug, Lederergasse

Die Stadtteilspaziergänger_innen

Die Kaution ist in der Regel ein schöner Batzen Geld und weckt so manche Begehrlichkeiten. An der zweiten Station des Stadtteilspaziergangs wurde die Kautionsgeschichte einer ehemaligen WG erzählt. Die Kaution belief sich auf über 2000 Euro. Da die WG die Wohnung unrenoviert übernommen hatte, rechnete sie mit der Rückzahlung des größten Teils davon, doch weit gefehlt. Zuerst behielt der Vermieter die gesamte Kaution ein, dann wollte er auch noch eine Nachzahlung, da seiner Meinung nach die Schäden über 6000 Euro betrügen. Passenderweise legte er eine Kostenschätzung seines eigenen Handwerkbetriebs vor, der dann auch die Arbeiten erledigen würde.

Als die ehemaligen Mieter_innen Einspruch erhoben, schlug er diesen einen Deal vor. Er formuliere den Schadensbericht so, dass die Versicherung der Mieter_innen zahlen werde. Nun, die Versicherung zahlte nicht und die ehemaligen WGler haben den Streit immer noch an der Backe. Ganz zu schweigen von einer Rückzahlung der Kaution.

3. Station: Das ehemalige Lederer, Lederergasse

Kommentar einer Unbekannten an der Tür zum ehemaligen Lederer

Leider fand sich keine_r der ehemaligen Betreiber_innen der legendären Kulturkneipe Lederer bzw. L.E.D.E.R.E.R. bereit, ihre Tragödie zu schildern. Zum April diesen Jahres wurde dem Trägerverein völlig überraschend gekündigt. Der Grund ist klar: Gentrifizierung. Das Gebiet rund um die Lederergasse ist eines der attraktivsten Regensburger Wohngebiete überhaupt, extrem ruhig und extrem stadtnah.

Seit April nun steht das ehemalige Lederer leer. Wahrscheinlich hat sich einfach noch kein Wahnsinniger gefunden, der die unverschämten Gewinnerwartungen des Vermieters erfüllen konnte. Was hätte man in der Zeit dort alles veranstalten können …

4. Station: Mieter als Nebensache, Lederergasse, Ecke Spazengäßchen

Recht auf Stadt macht Spaß!

Mayo berichtete, dass sie sich eigentlich sehr gut mit ihrer Vermieterin verstehe. Doch diese wolle bzw. müsse die Wohnung nun verkaufen. Seitdem geben sich die möglichen Käufer_innen die Klinke in die Hand. Dass da noch ein Mensch wohnt, scheint diese wenig zu interessieren. Eine Mieterin ist ja nur Nebensache, eine unvermeidliche Beigabe eines Anlageobjekts. Mayo beschrieb ihre Gefühle, ihre Angst vor einer Kündigung wegen Eigenbedarfs. Auch wenn sie kaum noch etwas günstigeres in dieser Gegend finden wird, kommt ihr doch gelegentlich der Gedanke, eine andere Wohnung zu suchen, nur um der Ungewissheit zu entgehen.

Resümee

Karin, die Organisatorin des ersten Stadtteilspaziergangs, hatte im Vorfeld viele Gespräche mit Anwohner_innen geführt. Sie war positiv überrascht darüber, wie offen und ausführlich Mieter_innen über ihre Probleme berichteten. Offensichtlich gibt es einen großen Leidensdruck, der sich in einem starken Mitteilungsbedürfnis äussert.

Andererseits wollte außer Wolfgang und Mayo keine_r die Gelegenheit nutzen, die Schwierigkeiten mit der Wohnsituation öffentlich zu schildern. Auch beteiligten sich von den angesprochenen Anwohner_innen genau Null Personen am Stadtteilspaziergang. Dies war sehr enttäuschend und zeigt, wie groß die Frustration sein muss, da offensichtlich niemand an eine Verbesserung der Lage glaubt. Hier muss die Initiative Recht auf Stadt vor allem ansetzen.

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