„Die Menschen verzweifeln“ – Interview mit einem Altenpfleger

Nach dem privaten Pflegeheimbetreiber Bayernstift werden nun auch bei der Compassio GmbH & Co. KG unhaltbare Zustände bekannt.

Pflegekräfte, die schon nach wenigen Monaten an Burnout leiden, alte Menschen, die in den eigenen Exkrementen liegen bleiben müssen, weil an Einlagen gespart wird, Angehörige, die mit massiven Drohungen eingeschüchtert werden – so geht es zu laut eines ehemaligen Mitarbeiters im Haus Maria in Sinzing des privaten Betreibers Compassio. Er stellte sich der Initiative Recht auf Stadt – Regensburg zu einem ausführlichen Interview zur Verfügung, weil es so nicht weitergehen könne: „Die Menschen verzweifeln.″

Nur wenige Wochen dauerte der Einsatz des Pflegers. Ihm wurde von Compassio gekündigt, weil er sich nicht mit den Verhältnissen zufrieden gab und sich Widerworte erlaubte. Ein guter Betreiber sei froh über Kritik, ein schlechter Betreiber will von Kritik nichts wissen, so der bekannte Pflegekritiker Claus Fussek in einem Telefonat mit Recht auf Stadt – Regensburg.

Da sich immer weniger reguläre Pflegekräfte für Heime à la Compassio oder Bayernstift finden lassen, so die Pflegekraft, würden zunehmend ausländische Arbeitskräfte eingestellt. Diese hätten kaum eine Möglichkeit, sich gegen ausbeuterische und menschenfeindliche Arbeitsbedingungen zu wehren. Eine Kündigung würde die sofortige Ausweisung zur Folge haben. Außerdem müssten diese dann die nicht unerhebliche Prämien zurückzahlen, welche sie für ihr Kommen erhalten hatten.

In dem Interview wird auch deutlich zur Sprache gebracht, wie ungenügend die Kontrolle durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) ist. Auch bei unangekündigten Prüfungen habe ein Betreiber genügend Zeit, alles im besten Licht erscheinen zu lassen. Plötzlich würden die alten Menschen bespielt und bespaßt, was vorher nie der Fall gewesen sei. Gruppen würden zusammengelegt, damit dem MDK das Fehlen von vorgeschriebenen Fachkräften nicht auffalle. Im Eiltempo würden Senior_innen, deren Befindlichkeit der MDK prüfen möchte, auf Hochglanz poliert. Auch der schlechteste Betreiber könne ausreichend Vorkehrungen treffen, um eine Prüfung sogar mit Bestnoten zu bestehen.

Der tiefere Grund aber für die schlechte Pflege sei Gewinnsucht: „Im Endeffekt ist es nichts anderes als eine Immobiliengesellschaft. Die ziehen aus dem Heim das Geld raus, packen aber sehr wenig rein. Man darf die Menschen nicht als Ware betrachten. Auf keinen Fall private Pflegeheime! Das Menschliche geht komplett verloren. Es ist einfach nur gewinnoptimiert″, so der Pfleger.

Eigentlich ist es unfassbar: Wir werden alle alt und sind mit großer Sicherheit irgendwann auf Pflege angewiesen. Trotzdem lassen wir es zu, dass mitten unter uns alte Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen, die nicht selten die Grenze zu Menschenenrechtsverletzungen überschreiten, leben müssen. Die Initiative Recht auf Stadt fordert daher die sofortige Abschaffung der gewinnorientierten Pflege und den Ausbau der kommunalen Daseinsvorsorge.

Leider ist in Regensburg in den letzen Jahren das genaue Gegenteil geschehen. Vom inzwischen unter Bestechlichkeitsverdacht stehenden Oberbürgermeister Joachim Wolbergs und seiner Stellvertreterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer wurden massiv kommunale Plätze gestrichen, während gleichzeitig private Heime errichtet wurden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.